Der Bitcoin lebt und wächst und das sachwertbezogene Internetgeld kommt

Krypto-Währungen auf dem Vormarsch
von Bernd-Thomas Ramb
 
Prof. Dr. Bernd-Thomas RambFoto: Prof. Dr. Bernd-Thomas Ramb
 
„We’re Now Accepting Bitcoin on Dell.com“ lautet die vorerst spektakulärste Meldung im Internet zum Thema Bitcoin. Stetig entwickelt sich die digitale Kunstwährung zum internationalen Renner; der Hauptgrund, warum der re-nommierte Computerhersteller Dell mit einem Umsatz von nahezu 60 Milliarden Dollar weltweit, die neue Währung als alternatives Zahlungsmittel akzeptiert. Deutschland scheint dagegen noch weitgehend unter dem Schock zu stehen, den die Pleite des Bitcoin-Portals Mt.Gox ausgelöst hat. 850.000 Bitcoin waren nach Angaben des Unternehmens im März dieses Jahres spurlos verschwun-den – angesichts der weltweit insgesamt emittierten mehr als 13 Millionen Ein-heiten kein überwältigender Betrag. Die restliche Welt zeigt sich weniger irri-tiert und bereitet sich schon auf die nächsten Krypto-Währungen vor – unter anderem auf realer Sachwertbasis wie Gold.
 
Die Entscheidung der Dell-Corporation, nunmehr neben Dollar auch Bitcoin zur Be-zahlung ihrer Produkte anzunehmen, folgt ihrer Einschätzung der Bitcoin-Währung als (im Original): „The world’s most widely used digital currency“. Dell ist innerhalb von vier Wochen das zweite weltweit operierende Unternehmen, das den Bitcoin als Geld akzeptiert. Zuvor hatte sich das internationale Reisebüro Expedia, eine ehema-lige Tochterfirma von Microsoft, der Gemeinde der Bitcoin-Verwender angeschlossen – allerdings vorerst beschränkt auf amerikanische Kunden. Möglicherweise hat die US-Regierung den Durchbruch erleichtert, nachdem sie 30.000 Bitcoin im Werte von über 13 Millionen Dollar öffentlich versteigerte. Diese Bitcoin waren Teil einer Be-schlagnahmung, die das amerikanische Finanzamt bei einer Drogenhändlerbande namens „Silk Road“ durchführte. Weitere 140.000 Bitcoin befinden sich noch im Be-sitz der amerikanischen Steuerbehörde.
 
Zeitgleich beendete auch die Computerfirma Apple ihren Zickzackkurs in Sachen Bitcoin – zugunsten seine Akzeptanz. Weltweit wird das aktuelle amerikanische Vor-preschen sicher verstärkt Nachahmer finden. Noch bestehen allerdings überwiegend skeptische bis prohibitive Einstellungen vor allem der Regierungen und Zentralban-ken zum Bitcoin. Normale Banken warnen naturgemäß vor dessen Verwendung, birgt die digitale Währungsalternative doch ein gefährliche Konkurrenz zu den traditi-onellen Bankgeschäften. Die nahezu kostenfreie Transfermöglichkeit des Bitcoin, blitzschnell und über sämtliche Landesgrenzen hinweg, dürfte nicht nur jüngere technikbegeisterte Internetnutzer ansprechen. Das bürokratisch träge Bankgebaren mit oft tagelangen Verzögerungen der Überweisungsgutschriften und übergebührlich belasteten Auslandstransfers entnervt zunehmend auch Ältere.
 
Die spektakuläre Pleite der Bitcoin-Handelsplattform MtGox anfangs dieses Jahres scheint den Warnern Recht zu geben, die dem Bitcoin grundsätzlich misstrauen. Tat-sächlich ist die neuartige Währung zahlreichen Gefahren ausgesetzt, die der arglose Verwender teilweise nur schwer erkennen und vermeiden kann. Zunächst weiß nicht jeder, dass er seine Bitcoin nicht nur bei einer „Bank“ (Computer einer Handelsplatt-form), sondern auch in seiner privaten „Brieftasche“ („wallet“) am heimischen Compu-ter oder Smartphone aufbewahren kann. Banken können ausgeraubt werden, wie dies im Falle MtGox passierte. Die geraubten Bitcoin sind dabei nicht vernichtet, sondern in der Brieftasche der Geldräuber gelandet; allerdings unauffindbar, da die räuberischen Transaktionen nicht nachverfolgt werden können. Das Bitcoin-System arbeitet als Krypto-Währung mit verschlüsselten Übertragungsinformationen, die praktisch nicht zu knacken sind.
 
Nicht jede Bitcoin-Bank ist gleichschlecht gegen Raub abgesichert. Im Falle MtGox hat es sich herausgestellt: Das Geld lag nicht im Tresor, sondern in Pappkartons hin-ter dem Bankschalter. Der Nachteil der möglicherweise leichtfertigen Verwaltung birgt jedoch erzieherische Vorteile. Wer mit Krypto-Geld operiert, muss sich dessen bewusst sein und das Risiko beispielsweise durch die Nutzung mehrerer Konten zu verringern suchen. Weiterhin zeigt sich in der Verlustgefahr aber auch eine Stärke des Bitcoins. Anders als in den klassischen Geldsystemen springt bei einem solchen Raub nicht eine Zentralbank ein, die den Geschädigten durch zusätzliches Gelddru-cken das verlorene Guthaben ersetzt. Die Menge der emittierten Bitcoin bleibt von betrügerischen Transaktionen unberührt. Bankenpleiten werden nicht kaschiert, sondern in voller Konsequenz den Gläubigern angelastet.
 
Dieses ehrliche und konsequente System der modernen Geldhaltung wird honoriert. Bitcoin findet ständig weitere Nutzer, wie die zunehmenden Downloadzahlen weltweit beweisen. Neben dem Dauerspitzenreiter USA sind vor allem die Chinesen und die Franzosen im Vormarsch. Der Widerstand ihrer Regierungen gegen den Bitcoin scheint die Nutzer zusätzlich zu motivieren. Der Reiz liegt natürlich im Verborgenen; Krypto-Währungen entziehen sich der staatlichen Aufsicht. Diese Vorteile locken zahlreichen Bitcoin-Konkurrenten an, die zunächst das abgeschlossene „Mining“-Verfahren kopiert, das die finale Menge der emittierten Krypto-Geldeinheiten garan-tiert. Von ihnen besitzt Litecoin zurzeit die besten Chancen, neben dem großen Vor-bild zu bestehen.
 
Den fehlenden Realwertbezug des Bitcoin, der geldtheoretisch dem Fiat-Geld zuzu-ordnen ist, versuchen neuerdings Mischsysteme auszugleichen. So hat der amerika-nische Edelmetallhändler Anthem Vault eine Krypto-Währung gegründet, bei der eine feste Anzahl von 10 Millionen „IndependenceCoins“ (INNCoins) durch 100 Gramm Gold gedeckt sind. Die Golddeckung widerspricht allerdings einem Grundprinzip des Bitcoin, keine Deckung mit Betrugsmöglichkeit anzubieten, denn das Gold könnte gestohlen oder veruntreut werden. Gleichwohl sind sachwertbezogene Krypto-Währungen wegen der Geheimhaltungsvorteile der neue Renner.
 
Prominentes Beispiel ist die „Ripple“-Währung (XRP), die auf Schuldverschreibungen jeglicher Art (vor allem Devisen, Handelsgüter, Gold) basiert. Auch hier besteht der eigentliche Zweck in der Erleichterung, aber auch Absicherung der Ripple-Transaktionen zwischen den Transaktionspartnern, ohne dass Außenstehende Ein-blick erhalten. Wie bedeutsam das Ripple-System - wertmäßig derzeit die Nummer 2 bei den Krypto-Währungen nach Bitcoin - werden kann, symbolisiert nicht zuletzt ihr neuster Berater, der ehemaligen Bundesminister Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg.